Religion
Vorbehalte gegenüber Religion(-en) gibt es viele, vor allem gegenüber der christlichen Religion. Christlich sozialisiert zu sein, ist nicht gerade en vogue, vor allem in Berlin, in der sogenannten „Hauptstadt des Atheismus“. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass wir gerade heute mehr denn je religiös gebildet sein sollten: Kritisch, tolerant und politisch aufmerksam gegenüber fundamentalistischen und verabsolutierenden Haltungen. Als Religionspädagogin sehe ich meine Aufgabe darin, den Schüler:innen die Möglichkeit zu geben, Wissen zu erwerben und miteinander ins Gespräch zu kommen, damit sie sich eine eigene und begründete Meinung bilden können zur Frage der Religion(-en), des Glaubens oder Nichtglaubens.
Als Religionswissenschaftlerin besteht mein Arbeitsansatz darin, den jeweiligen historischen Kontext und den Wandel von Religionen festzustellen und zu analysieren. Religion-en entwickeln sich kontinuierlich weiter, denn sie brauchen Wandel, um weiterhin sinnstiftend zu sein.
Das „Buch der Bücher“, die Bibel ist ein Produkt dieses Wandels. Sie enthält Geschichten und Erzählungen, die mehrere tausend Jahre alt sind, erst mündlich tradiert wurden und dann schließlich schriftlich fixiert und in die uns heute bekannte Reihenfolge gebracht worden sind. Manchmal fragen mich die Schüler:innen, ob diese Geschichten wahr sind.
Bei der Beantwortung hilft mir folgende Prämisse: In der Bibel erzählen Menschen von ihren Erfahrungen mit Gott. Anders ausgedrückt: Es sind Menschen, die von Gott erzählen und anknüpfend daran kann ich fragen, welche Erfahrungen ich kenne, welche ich teile und welche Begebenheiten mir glaubwürdig oder auch unglaubwürdig erscheinen oder sich fremd anfühlen. Auf manche Frage oder Erzählung gibt es keine (eindeutige) Antwort. Wichtig ist mir zu verdeutlichen, dass das, was sich fremd anfühlt, auch fremd bleiben darf.
Zum Verständnis der biblischen Geschichten ziehe ich auch die Mythen verschiedener Kulturen aus der Umwelt des alten Israels hinzu, um Ähnlichkeiten und Einflüsse sichtbar zu machen.
In meinem Unterricht liegt ein Schwerpunkt auf dem Erzählen. Hierbei handelt es sich nicht nur um eine wichtige Kompetenz, welche die Schüler:innen erfahren und lernen, sondern auch um das Angebot, sich zu Hause fühlen zu können in einer Erzähltradition. Auch möchte ich die Schüler:innen sensibilisieren für verschiedene sprachliche Ausdrucksformen, denn letztendlich schaffen Wörter Welten. So klingt die biblische Sprache ungewohnt, fremd, ganz anders als unsere Alltagssprache.
Auf diese Weise lassen sich m.E. auch manche Vorbehalte gegenüber bestimmten Reizwörtern auflösen und entkräften, da viele biblische Begriffe mehrperspektivisch zu deuten sind.
